FINANZMÄRKTE

Unter dem Druck der Zeitenwende

Corona, Ukraine-Krieg, Inflation, Bankenkrise - die Weltwirtschaft durchlebt turbulente Zeiten. Höchste Zeit für eine Analyse, wie sie unter anderem Nobelpreisträger Prof. Dr. Joseph Stiglitz und Ex-Finanzminister Peer Steinbrück beim Wirtschaftsforum NEU DENKEN vornahmen 

Prof. Dr. Joseph Stiglitz - Wirtschafts-Nobelpreisträger

Dass Corona und der Ukraine-Krieg die Weltwirtschaft durcheinandergewirbelt haben, liegt auf der Hand. Der Begriff der Zeitenwende hat Hochkonjunktur. Aber was genau ist passiert? Was sind die Konsequenzen? Und was bedeutet das für Deutschland als Global Player? 

Antworten auf derlei Fragen lieferten auf dem Wirtschaftsforum NEU DENKEN Referenten, die hochkarätiger nicht sein könnten, allen voran Prof. Dr. Joseph Stiglitz, Wirtschafts-Nobelpreisträger und Ex-Weltbank-Chefökonom. Des Weiteren analysierten die Lage der frühere Bundesminister Peer Steinbrück, Prof. Axel Weber, ehemaliger Verwaltungsratspräsident UBS und Ex-Präsident der Deutschen Bundesbank, Karl von Rohr, Vizechef der Deutschen Bank, sowie Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich und Osteuropa des Vermögensverwalters Blackrock.

Die Corona-Pandemie war nicht nur eine Herausforderung an die Gesundheitssysteme. Bei ihrer Bewältigung auf der ganzen Welt zeigten sich auch massive Probleme wirtschaftlich-sozialer Natur. Da wäre zum einen die Unterbrechung von Lieferketten, was Versorgungsengpässe bei zum Teil essenziellen Produkten zur Folge hatte. Opfer der Pandemie wurden zudem vor allem sozial benachteiligte Teile der Gesellschaft. Und auch bei der weltweiten Verteilung der Impfdosen kam es zu Ungerechtigkeiten - der Schutz von Patenten als Absicherung geistigen Eigentums und Investitionsanreiz wurde höher eingestuft als die Solidarität mit Schwellen- und Entwicklungsländern. 

Welche Konsequenzen haben diese Probleme aus der Pandemie? Zu erkennen sind sie etwa im weltweiten Machtgefüge: Wo der Westen nicht half, da sprangen Russland und China ein - eine Strategie, deren Folgen jetzt auch in der Haltung vieler Länder im Ukraine-Krieg zu erkennen sind. 

Diese machtpolitischen Verschiebungen - die Rede war auch von einer Ablösung der Geoökonomie durch Geopolitik - sind nur einer der Aspekte der vielzitierten Zeitenwende, neben dem Handlungsdruck durch den Klimawandel, der Renaissance autokratischer Regierungen sowie der Inflation. Auf Deutschland wirkt sich die Zeitenwende nach Analyse der Referenten besonders heftig aus, was vor allem mit der großen Bedeutung der Industrie und des Exports zu erklären sei. Trotz dieser Dimensionen habe es die deutsche Politik versäumt, die Zeitenwende ausreichend zu erklären, weite Teile der Bevölkerung verstünden sie nicht - und machten es sich bequem in einem "Zustand permanenter Gegenwart".

Von Links: Karl von Rohr - Stellv. Vorstandsvorsitzender Deutsche Bank, Dr. Martin Lück - Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock und Peer Steinbrück - Bundesminister a.D.

Peer Steinbrück - Bundesminister a.D.



Die unterschätzte Inflation

Auch die Inflation hat ihren Ursprung in der Corona-Krise. Als Inflationstreiber erwies sich inbesondere der Umstand, dass die restriktive Covid-Politik in China Anfang 2022 und der Stillstand einer riesigen Zahl von Container-Schiffen die Lieferketten durcheinander warfen. Die Folge war eine Verknappung des Angebots. Der Ukraine-Krieg kam dann "im ungünstigsten Moment" als Inflationstreiber hinzu. Gleichzeitig hatten viele Menschen während der Pandemie Geld gespart und gaben es mit einem Schlag wieder aus, erhöhten so die Nachfrage zu einem Zeitpunkt, als Produzenten und Lieferanten dieser nicht hinterher kamen - die Pandemie als "Defibrillator", der die Wirtschaftsaktivität neu gestartet und Überersparnisse freigegeben habe. Auf dem europäischen Energiemarkt erhöhten sich zusätzlich die Preise infolge einer schlechten Regulierung, konkret der Kopplung des Systems an den Gasmarkt - ein Konzept, das nicht für einen Kriegsfall gedacht war und so für zusätzliche Verwerfungen sorgte. 

Die Notenbanken spielten bei dieser Entwicklung nach Einschätzung der Referenten eine unglückliche Rolle, insbesondere die Europäische Zentralbank. Als die Inflation anstieg, sei man zunächst davon ausgegangen, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handle und die Marke schnell auf zwei Prozent zurückgehen würde. Die Inflationsentwicklung sei unterschätzt, die "Liquiditätspumpe" zu lange bedient worden. Mittelfristig sei unter anderem aufgrund höherer Kosten bei den Lieferketten und bei der Dekarbonisierung mit einer weiteren Preissteigerung zu rechnen. Die Europäische Zentralbank dürfte den Weg hoher Leitzinsen deswegen vorerst weitergehen. 

Auf Deutschland wirkt sich die Zeitenwende besonders heftig aus, was vor allem mit der großen Bedeutung der Industrie und des Exports zu erklären sei.


Dr. Martin Lück - Leiter Kapitalmarktstrategie BlackRock



Ungute Erinnerung an die Bankenkrise

Zu Beginn des Jahres 2023 weckte die Krise von drei Banken in den USA ungute Erinnerungen an die Kreditkrise von 2008. Im März mussten innerhalb von fünf Tagen drei kleine bis mittelgroße US-Institute aufgrund von Zahlungsunfähigkeit schließen. Dies löste einen starken Rückgang der Aktienkurse von Banken weltweit aus, Die Schweizer Credit Suisse mit ihren ganz eigenen Problemen wurde durch eine Fusion mit der Großbank UBS gerettet.

Die Referenten des Wirtschaftsforums verwiesen auf Mängel bei der Aufsicht der Banken in den USA in den konkreten Fällen, unterstrichen jedoch, dass es sich um keine systemische Finanzkrise handelte, dass man vielmehr die Lektion von 2008 gelernt habe - in Form unter anderem einer Verstärkung der Bankenaufsicht, des einheitlichen europäischen Bankenabwicklungsmechanismus und in Zukunft durch eine Vertiefung der EU-weiten Kapitalmarktunion. Die Probleme der betroffenen Banken in den USA und der Schweiz seien in keiner Weise auf deutsche Kreditinstitute übertragbar, im Gegenteil - bei vielen mache man gerade im Zuge der Zinswende gute Geschäfte. 

Die Referenten analysierten außerdem die aktuelle Lage an den Kapitalmärkten und wagten einen Ausblick. So seien die Aktienmärkte in diesem Jahr recht robust geblieben. Verwiesen wurde darauf, dass die USA nicht direkt in die Rezession gerutscht seien, in Europa ein Mangel an Gas im Winterhalbjahr habe vermieden werden können und Europa stärker als erwartet von der erneuten Öffnung Chinas profitiere. Die bisherige Entwicklung dieses Jahres werde sich aber nicht einfach so fortschreiben lassen. Beim kurzfristigen Ausblick sei eher Skepsis geboten, mittelfristig seien Investoren mit realen Assets gut beraten.


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